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RedeVeröffentlicht am 14. August 2026, aktualisiert am 17. August 2026

Amerikanische Träume und Schweizer Widerhall

Luzern, 14.08.2026 — Ansprache von Bundespräsident Guy Parmelin, Vorsteher des Eidgenössischen Departements für Wirtschaft, Bildung und Forschung anlässlich der Eröffnung des Lucerne Festivals 2026, Luzern am Freitag, 14. August 2026

Sehr geehrter Herr Stiftungsratspräsident Markus Hongler
Sehr geehrter Herr Intendant Dr. Sebastian Nordmann
Geschätzte Gäste

Liebe Freundinnen und Freunde der klassischen Musik

Für meine Frau und mich ist es jedes Mal eine grosse Freude, an der Eröffnung des Lucerne Festivals teilzunehmen. Herzlichen Dank für die Einladung!

Luzern, dieser besondere Ort am See, die Berge im Hintergrund – und dazu Musik auf höchstem Niveau: Man könnte fast sagen, es sei ein Traum.

Und damit sind wir bereits beim Motto des diesjährigen Festivals: «American Dreams».

Ein Motto, das zum 250-Jahr-Jubiläum der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung besonders gut passt.

Einen Moment lang dachte ich, der Titel sei extra für mich gewählt worden.

In diesem Fall, meine Damen und Herren, hätte man heute Abend wohl eher einen Walzer von Johann Strauss himself spielen müssen.

Das hätte den pirouetten-reichen Weg zwischen Bern und Washington, musikalisch besser wiedergegeben. Einen Schritt vorwärts, einen zur Seite und gelegentlich dreht man sich im Kreis.

Aber zurück zum amerikanischen Traum. Bekannt gemacht wurde der Ausdruck American Dream 1931 vom amerikanischen Historiker James Truslow Adams. Er meinte damit aber nicht den Traum vom grossen Geld, den Traum vom Tellerwäscher zum Millionär.

Solche Karrieren, wie sie zum Beispiel der Schauspieler und Politiker Arnold Schwarzenegger verkörpert. Oder von all jenen Menschen, die in den 1930-er Jahren vor den Pogromen, der Diskriminierung und der Armut in Europa nach Ellis Island flohen. Darunter auch eine gewisse Familie Gershwin.

James Adams ging es nicht um diese spektakulären Karrieren. Ihm ging es um etwas Grösseres. Um eine Gesellschaft, in der das Leben für alle besser, sein sollte. Eine Gesellschaft, in der jeder einzelne seine Fähigkeiten entfalten kann, unabhängig von Herkunft oder sozialer Stellung.

Dieser Gedanke reicht weit über Amerika hinaus. Jede Person, jedes Land träumt, was morgen sein könnte.

Das macht diese Art von Traum aus. Er liegt weder im Gestern noch im Heute verankert, sondern verweist auf morgen.

Wir alle brauchen eine Vorstellung, einen Traum, wie die Zukunft aussehen soll.

Die beiden Komponisten des heutigen Abends hatten genau solche Träume.

Charles Ives («Eifs»), dessen Sinfonie Nr. 1 in d-Moll wir später hören, ist ein schönes Beispiel für die Erfüllung eines persönlichen Traums. Er studierte in Yale und leitete zunächst ein erfolgreiches Versicherungsunternehmen, bevor er als Komponist bekannt wurde. Seine Musik war ihrer Zeit voraus. Anerkennung für sein Werk erhielt er erst spät.

Das kann übrigens etwas Trost sein für politische Persönlichkeiten, die sich zu Lebzeiten missverstanden fühlen und auf die Anerkennung späterer Generationen hoffen.

Ich kann mir zudem auch vorstellen, dass es für die Musikerinnen und Musiker heute Abend ebenfalls ein Traum sein musste, die rhythmische Komplexität dieser Stücke zu meistern.

Noch unmittelbarer als Ives verkörpert George Gershwin den amerikanischen Traum.

Als Sohn russischer Einwanderer verbrachte er seine Kindheit in den belebten Strassen New Yorks. Seine Welt war zunächst nicht jene der grossen Konservatorien. Seine Welt waren der Broadway, die Theater und verstaubten Klaviere, die wieder zum Klingen gebracht werden mussten, um einen Verleger zu überzeugen oder das Publikum zu begeistern.

Gershwin träumte aber von mehr.

Er träumte von einem Orchester.

Er träumte davon, die Grenzen zwischen Konzertsaal und Strasse, zwischen klassischer Musik und Jazz, zwischen europäischer Kultiviertheit und den Rhythmen der Neuen Welt völlig aufzuheben. Und genau das tat er.

Mit Gershwin hält Amerika Einzug in die klassische Musik. Und zwar nicht leise. Man hört den Lärm der Grossstadt, Hupen, Tänze und Synkopen.

Gershwin schenkt uns Licht und Schwung. Ives hingegen entführt uns in die Welt der Erinnerungen, zu den Landschaften Neuenglands, den fernen Stimmen und den Fragen, auf die es keine Antworten gibt.

Und trotzdem verbindet die beiden die zutiefst amerikanische Überzeugung: Traditionen sind nicht so heilig. Man darf auch etwas Neues erfinden.

Auch uns hier in der Schweiz ist diese Überzeugung nicht völlig fremd.

Neues beginnt oft mit einem Traum. Er ist der beste Wegbegleiter für die Zukunft.

Schon Freud erklärte, dass wir im Traum unsere Zukunft sehen, so wie wir sie uns wünschen.

Für das eine Land besteht der Traum zum Beispiel darin, wieder
great («greit») zu werden. So wie es auf einer roten Mütze steht. Für das andere besteht er darin, seit 1291 great zu bleiben.

Aber Spass beiseite: Da wir heute Abend alle ein wenig Stars-and-Stripes-Fans sind, möchte ich dieses grossartige Land, die Vereinigten Staaten, kurz würdigen. 250 Jahre USA. Das bedeutet individuelle, kulturelle und politische Abenteuer.

Amerikas Geschichte ist geprägt von Eroberungen und Zerrissenheit, von grossen Würfen und Widersprüchen, von rasanten Fortschritten und noch immer nicht eingelösten Versprechen.

Amerika trägt in sich die Bibel und die Aufklärung, die Stimmen der indigenen Völker und die der Eingewanderten, die Lieder der Sklaven, die Hymnen der Kirchen, die Militärmärsche, den Lärm der Fabriken, den Jazz der Grossstädte und die unermessliche Stille der weiten Gegenden.

Von Amerika, meine Damen und Herren, wurde geträumt, noch bevor das Land überhaupt gegründet wurde. In Gedichten, Romanen, Gemälden und – last but not least – in der Musik. Dabei ging es nicht nur Amerika, wie es war, sondern was es sich für die Zukunft erträumte.

Und die Schweiz?

Natürlich unterscheiden sich unsere beiden Länder in Bezug auf Grösse, Geschichte und Temperament.

Aber auch die Schweiz lebt von der Überzeugung, dass Verschiedenheit keine Schwäche sein muss.

Wir haben verschiedene Sprachen, Kulturen, Regionen und Traditionen. Und trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – haben wir gelernt, daraus etwas Gemeinsames zu schaffen.

Auch wir glauben an Freiheit, Eigenverantwortung und Erfindergeist. Und daran, dass eine Gesellschaft stärker wird, wenn Menschen Verantwortung für sich selbst und füreinander übernehmen.

Die Beziehungen zwischen der Schweiz und den USA beschränken sich weder auf reine Diplomatie noch auf den Handel. Sie leben vom Ideenaustausch zwischen Menschen, von Wissenschaft und Forschung, von Unternehmen und Universitäten – und natürlich von der Kultur.

Amerika hat vielen europäischen Künstlerinnen und Künstlern eine neue Heimat gegeben. Europa wiederum hat gelernt, den Stimmen aus der Neuen Welt zuzuhören.

Gerade unsere weltoffene Schweiz war dafür immer auch ein Ort der Begegnung.

Ich freue mich sehr, dass dieser Austausch heute Abend hier in Luzern weitergeht.

Damit schafft die Musik das, was der Politik manchmal nur schwer gelingt: Sie lässt einen Dialog zu, ohne dass sich die Fronten verhärten.

Sie zeigt uns, dass wir einer fremden Stimme zuhören können, ohne auf unsere eigene zu verzichten.

Dass wir andere Kulturen bewundern können, ohne sie zu idealisieren.

Sie erinnert uns daran, dass Freundschaft zwischen Menschen und zwischen Staaten nicht bedeutet, immer gleicher Meinung zu sein. Es geht darum, miteinander im Gespräch zu bleiben – und, vor allem, sich gegenseitig und respektvoll zuzuhören.

Der amerikanische Traum ist also nicht ausschliesslich made in the USA.

Er gehört all denen, die daran glauben, dass die Welt weit grösser ist als der eigene Horizont.

Er gehört all denen, die sich weigern, die Zukunft als reine Wiederholung der Vergangenheit zu sehen.

Er gehört allen, die wissen, dass ein Traum nicht dazu da ist, vor der Wirklichkeit zu fliehen.

Ein guter Traum gibt uns vielmehr den Mut, die Wirklichkeit zu gestalten.

Ich wünsche uns allen, dass wir nie aufhören, zu träumen, über unsere Zukunft nachzudenken – selbstbewusst, offen und mit Vertrauen in unsere eigenen Stärken.

Und ich wünsche dem Lucerne Festival 2026, dass es uns in den kommenden Wochen genau das schenkt, was grosse Musik immer wieder vermag:

unsere Ohren zu öffnen, unseren Horizont zu erweitern – und uns für einen Moment alle gemeinsam träumen zu lassen.

And now: Let’s dream together!