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RedeVeröffentlicht am 30. Oktober 2026

SGVW-Herbsttagung 2026: Eröffnung und Einführung

Bernerhof, 29.10.2026 — Bundeskanzler Viktor Rossi, Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Verwaltungswissenschaften SGVW

Stellen Sie sich vor, die Bundesverwaltung bekäme morgen früh eine zweite Belegschaft geschenkt.

Sie arbeitet rund um die Uhr. Sie hat jedes Gesetz gelesen, jede Botschaft, jede Verordnung. Sie beschwert sich nie, sie geht nie in die Ferien, und sie formuliert schöner als die meisten von uns.

Sie hat nur ein grosses Problem: Sie merkt nicht, wann sie sich irrt.

Meine Damen und Herren – würden Sie sie einstellen? Ich komme darauf zurück.

Im Namen des Vorstands heisse ich Sie herzlich willkommen zur Herbsttagung 2026 der Schweizerischen Gesellschaft für Verwaltungswissenschaften. Ich freue mich, dass Sie so zahlreich gekommen sind – obwohl Sie sich den Inhalt dieser Tagung im Nachhinein in dreissig Sekunden von einem KI-Tool hätten zusammenfassen lassen können. Sie sind trotzdem hier – das freut uns ausserordentlich!

Ein besonderer Dank gilt Bundesrat Albert Rösti. Herr Bundesrat, wir freuen uns sehr, dass Sie heute bei uns sind. Herzlichen Dank, dass Sie sich Zeit für uns nehmen.

Danken möchte ich auch Denise Tonella, Vorstandsmitglied der SGVW, die uns durch den Nachmittag führt. Als Direktorin des Nationalmuseums weiss sie besser als wir alle, was von einer Epoche übrig bleibt. Wird die KI dereinst als kurzer Hype in einer Vitrine liegen? Oder füllt sie als Beginn einer neuen Epoche einen ganzen Ausstellungssaal? Ganz so, wie in Museen auf der ganzen Welt die ersten Schuldscheine, die ersten Dampfmaschinen, Fliessbänder, Schreibmaschinen und Computer ausgestellt werden? Ich empfehle, die Mittel für den Bau eines zusätzlichen Ausstellungssaals rechtzeitig zu beantragen…

Prompt oder Paragraf?

Unsere Tagung trägt den Titel «Prompt oder Paragraf: Welche Intelligenz braucht die Verwaltung?». Ich will die Antwort nicht vorwegnehmen. Aber vielleicht kommen wir am Ende dieses Nachmittags zum Schluss, dass es statt eines «oder» ein «und» braucht. Vielleicht aber auch nicht. Ich bin jedenfalls gespannt, zu welchem Schluss Sie kommen werden.

Wo ich stehe: vier alte Tugenden für eine neue Technologie

Erlauben Sie mir einige persönliche Gedanken. Wer mich kennt, wird nicht überrascht sein, dass ich mir dafür Rat bei den Stoikern geholt habe. Die Stoa war eine Philosophenschule der griechischen und römischen Antike, die sich vor allem mit einer Frage beschäftigt hat: «Wie handle ich klug und verantwortungsvoll in einer Welt, die ich grösstenteils nicht kontrollieren kann?»

Die Stoiker kannten vier Kardinaltugenden: Weisheit, Mut, Mässigung und Gerechtigkeit. Sie sind über zweitausend Jahre alt. Und sie taugen erstaunlich gut als Kompass für eine Technologie, die in ihrer heutigen Form erst wenige Jahre alt ist. Gerade weil diese Technologie bleiben wird – davon gehe ich, Sie ahnen es, aus –, kann uns ein solcher Kompass helfen.

Erstens: Weisheit. Für die Stoiker beginnt Weisheit mit der Fähigkeit zu unterscheiden. Epiktet, der als Sklave geboren wurde und später einer der einflussreichsten Lehrer der Stoa war, unterschied zwischen dem, was in unserer Macht steht, und dem, was nicht in unserer Macht steht. In unserer Macht, sagt er, liegt vor allem unser Urteil, also die Art, wie wir die Dinge bewerten und gewichten. Genau hier verläuft für mich die Grenze bei der KI. Eine KI kann tausend Fälle vergleichen, Akten zusammenfassen und einen Entscheid vorschlagen. Aber ob dieser Entscheid im konkreten Fall richtig, angemessen und verhältnismässig ist, muss ein Mensch beurteilen. Nicht, weil die Maschine dies a priori schlechter machen würde. Sondern weil sie für das Ergebnis nicht einstehen kann. Die Analyse können wir der KI überlassen. Das Abwägen, Entscheiden und Tragen von Verantwortung nicht.

Weisheit heisst aber auch, die richtigen Fragen in der richtigen Reihenfolge zu stellen. Der amerikanische Managementautor Stephen Covey hat es in seinem Klassiker über die sieben Wege zur Effektivität so formuliert: «Beginne mit dem Ende im Sinn.» Die erste Frage lautet also nicht: Wo können wir überall KI einsetzen? Sondern: Was soll für die Bevölkerung, die Bürgerinnen und Bürger, für die Unternehmen und für unsere Mitarbeitenden besser werden?

Wer diese Frage überspringt, digitalisiert am Ende bloss seine alten Probleme. Und wer einen schlechten Prozess mit KI ausstattet, hat danach einen schlechten Prozess, der wahrscheinlich sehr überzeugend formuliert ist. Weisheit heisst also: nicht zuerst die Technologie fragen, was sie kann, sondern uns selbst, was wir wollen.

Zweitens: Mut. Die Verwaltung ist für vieles bekannt. Mut gehört in der Regel nicht dazu. Seneca – römischer Philosoph und Staatsmann – hat einen Satz geschrieben, der mich seit Jahren begleitet: «Nicht weil die Dinge schwierig sind, wagen wir sie nicht – sondern weil wir sie nicht wagen, sind sie schwierig.»

Bei der KI in der Verwaltung befinden wir uns teilweise noch in einer explorativen Phase. Und in dieser Phase ist Mut genau das Richtige: ausprobieren, testen, lernen. Im September hat die Bundeskanzlei einen KI-Community-Anlass des Bundes organisiert. Wir haben dort gesehen, welche KI-Umsetzungen es im Bund bereits gibt. Es hat mich sehr gefreut zu sehen, wie viel Neugier, Engagement und Experimentierfreude in unserer Verwaltung steckt.

Doch wir kommen jetzt in eine andere Phase. Und die verlangt eine andere Art von Mut: den Mut, Dinge abzubrechen. Das ist schwieriger, als etwas anzufangen. Jedes Pilotprojekt hat Eltern, und kein Elternteil hört gern, dass das eigene Kind nicht in die nächste Runde kommt. Aber unsere Mittel sind begrenzt. Wir müssen sie dort einsetzen, wo sie die grösste Wirkung entfalten – in Leuchttürme statt in viele Rechaudkerzen. Mut heisst heute also nicht nur, Neues zu wagen. Sondern auch, sich zu entscheiden. In Vorhaben, die möglichst grosse Wirkung in möglichst grosser Breite, idealerweise über die ganze Bundesverwaltung oder gar über alle drei Staatsebenen hinweg, entwickeln.

Drittens: Mässigung. Nicht alles, was technisch möglich ist, ist auch sinnvoll. Der britische Autor Oliver Burkeman, der sich in seinen Büchern mit unserem Umgang mit der Zeit beschäftigt, beschreibt eine Falle, die wir alle kennen: «Wer effizienter arbeitet, gewinnt nicht Ruhe, sondern noch mehr Arbeit. Wer sein Postfach schneller leert, bekommt schneller Antworten.» Übertragen auf die Verwaltung: Wenn uns die KI hilft, in der halben Zeit doppelt so viele Berichte zu schreiben, dann haben wir nicht die Verwaltung modernisiert, sondern die Seitenzahl verdoppelt.

Mässigung heisst deshalb: KI dort einsetzen, wo sie wirklich entlastet. Nicht jedes Problem braucht ein Sprachmodell. Manchmal genügt weiterhin ein Telefonanruf oder der Gang ins Büro nebenan.

Viertens: Gerechtigkeit. Für die Stoiker war Gerechtigkeit die Tugend, die uns mit der Gemeinschaft verbindet. Im Rechtsstaat heisst das zuerst, dass eine Behörde ihre Entscheide begründen können muss: gegenüber den Betroffenen, den Gerichten und der Öffentlichkeit.

«Das System hat es so vorgeschlagen» ist keine Begründung. Und wenn bei einem KI-gestützten Entscheid einmal etwas schiefläuft, wird die Geschäftsprüfungskommission des Parlaments nicht die KI vorladen. Sie wird einen Menschen vorladen, der dafür die Verantwortung trägt. Und das ist gut so. Ein Staat, der seine Entscheide nicht mehr erklären kann und niemanden mehr hat, der für sie einsteht, verliert, wovon er lebt: das Vertrauen seiner Bevölkerung, seiner Bürgerinnen und Bürger.

Gerechtigkeit gilt aber auch gegenüber unseren Mitarbeitenden. In sie müssen wir weiterhin mindestens so viel investieren wie in die KI. Denn wer künftig einen KI-Entwurf prüft, braucht nicht weniger Fachwissen, sondern mehr. Er muss erkennen, wenn etwas elegant klingt, aber falsch ist. Also genau das, was unsere «zweite Belegschaft» – Sie erinnern sich an meine einleitende Worte – nicht kann. Diese Kompetenzen sind keine Nebensache. Sie sind die Voraussetzung für alles andere.

Weisheit, Mut, Mässigung und Gerechtigkeit: Keine dieser Tugenden lässt sich programmieren. Sie bleiben unsere Aufgabe.

Ich habe Sie zu Beginn gefragt, ob Sie diese zweite Belegschaft einstellen würden: fleissig, belesen, unermüdlich, aber ohne zu merken, wann sie sich irrt.

Vielleicht lautet die Antwort: Ja, aber nur mit guter Führung, mit klaren Aufgaben und mit Menschen, die hinschauen und Verantwortung übernehmen. Mit anderen Worten: Die künstliche Intelligenz braucht vor allem menschliche Intelligenz.

Und damit sind wir wieder bei der Frage unseres Tagungstitels: Welche Intelligenz braucht die Verwaltung? Wie Sie das sehen, werden wir heute Nachmittag hören.

Und eines kann auch die beste KI nicht: mit uns anstossen. Das tun wir um Viertel nach sechs beim Apéro. Ich wünsche Ihnen nun einen anregenden Nachmittag. Herr Bundesrat, Sie haben das Wort.